Work-Life-Balance in agilen Zeiten? Auf die innere Haltung kommt es an.
Berufliches und Privates vermischen sich immer mehr. Wir sind immer ansprechbar und erreichbar. Wie können wir im privaten und beruflichen Leben einen positiven Umgang mit Herausforderungen finden und extremen Stress vermeiden?
Immer „on"?
Paul M. ist „on". Morgens lässt er sich von seiner Wecker-App aus dem Schlaf holen. Beim Kaffee tweetet er den geplanten Tag an seine Follower. Im Zug bereitet Paul seinen Vortrag vor, beantwortet E-Mails, telefoniert und chattet nebenbei. Der Termin läuft gut. Abends wird gechillt – noch ein paar Mails, dann lässt sich Paul in die Kissen sinken.
Paul arbeitet gerne, er ist seit einigen Jahren Produktentwickler in einem globalen Unternehmen. Er ist nahezu rund um die Uhr erreichbar, und das stresst ihn nicht – er schafft all dies mit behänder Lässigkeit. Erst seit kurzem schläft er nicht mehr gut, kann sich nicht mehr konzentrieren. Er wurde befördert, eigentlich schön. Aber um ihn herum wurden verschiedene Bereiche umstrukturiert. Kleine Streitereien und Kommunikationspannen sind plötzlich an der Tagesordnung. Seine Gedanken kommen nicht mehr zur Ruhe, Fehler entstehen – Schaffenskraft und Freude schwinden.
Nach einer empfohlenen Auszeit wird es nicht besser. Vorahnungen treiben ihn um. Die Ideen sprudeln nicht mehr. Seine noch recht neue Funktion als Teamleiter bringt Konflikte mit sich: mal ist er Freund, mal Vorgesetzter, zwischendurch Teamkollege. Seine Verwirrung nimmt zu, er wird zynisch und unleidlich.
Was will der Arbeitgeber?
Die organisationalen Anforderungen an Pauls verschiedene berufliche Rollen sind nicht klar definiert. Paul ist eine fiktive Figur. Er erlebt jedoch Situationen, die vielen Berufstätigen bekannt sind – gerade in einer Zeit, in der viele Unternehmen „agil" werden wollen und Veränderungen an Arbeitsaufgabe und -umfeld an der Tagesordnung sind.
Work-Life-Balance „optimieren"
Paul gerät nun auch privat unter Druck. Sein Arbeitgeber rät ihm schließlich deutlich, seine Work-Life-Balance zu optimieren. Hört sich gut an. Aber was bedeutet das genau? Wie soll das gehen?
Work-Life-Balance – das würde ja heißen, dass eine Balance zwischen Arbeit und Leben hergestellt werden soll. Fängt das „richtige" Leben etwa erst an, wenn man das Büro verlässt? Das kann nicht ganz richtig sein. Naheliegend ist die Betrachtung des Lebens als Ganzes, mit einzelnen Segmenten. Wir stillen unsere Bedürfnisse nach Anerkennung, Zuwendung und Struktur in beiden Welten. Ins Ungleichgewicht kommen wir nicht unbedingt, wenn wir mehr Zeit mit der Arbeit verbringen als mit dem Privatleben, sondern wenn am Arbeitsplatz unsere Bedürfnisse dauerhaft nicht mehr gestillt werden.
Innere Haltung zur Arbeit beeinflusst Wohlbefinden
Das Ungleichgewicht befindet sich nicht nur in unserem Kopf, sondern löst auch Reaktionen in unserem Körper aus. Der Organisationsberater Thomas Weil schlägt vor, den Begriff Work-Life-Balance durch „Hormone-Balance" zu ersetzen. Stresstoleranz und Glücksgefühle entstehen, wenn unsere Hormone im limbischen System ausbalanciert sind.
Der richtige Cocktail der drei Schlüsselhormone Oxytocin, Dopamin und Endorphin ist hierfür entscheidend. Oxytocin beeinflusst unsere Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und Anteil zu nehmen. Wir werden durch Erfolge motiviert, wenn wir eine Herausforderung gemeistert haben – dann produzieren wir Dopamin. Folgen wir darüber hinaus unserer inneren Vision und erleben das, was wir tun, als sinnvoll, verhilft uns Endorphin zum Glücksgefühl.
Wenn der Hormon-Cocktail nicht richtig gemixt ist, reagieren wir auf Herausforderungen nicht mehr gelassen. Wenn das, was wir tun sollen, keinen Sinn mehr für uns ergibt, wird sich Zufriedenheit auch nach einer erfolgreich abgeschlossenen Aufgabe nicht einstellen. Nach und nach geraten wir unter Druck und können psychisch und physisch erkranken, wenn wir die Warnsignale nicht wahrnehmen.
Was heißt dies nun für Paul?
Paul ist erstmal offline. Er nimmt sich Zeit, um seine eigenen Wünsche zu erspüren und sich überhaupt wieder entspannen zu können. Zum Glück hat Paul frühzeitig bemerkt, dass er den Spaß an der Arbeit verliert und keine Energie mehr für Freunde und seine Lebensgefährtin hat.
Paul übernimmt die Verantwortung für sich und ergründet, wo er sich selbst im Wege stand. Er begegnet seinen Ängsten und achtet auf seine Bedürfnisse. Welche seiner Hoffnungen blieben unerfüllt? Seine innere Haltung ist der Schlüssel. Paul liebte seinen Job als Entwickler – gerne hätte er die Beförderung zum Teamleiter abgelehnt, sich aber nicht getraut nach Alternativen zu fragen. Jetzt sieht er das anders. Er fragt.
Zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen tauschen sie dann aus, er und seine Chefin. Paul wünscht sich regelmäßige Gespräche wie dieses. Er fordert klare Strukturen und Rollenbeschreibungen ein. Paul ist sich nicht sicher, ob das alles klappen wird. Aber er fühlt sich nicht mehr ausgeliefert. Er beginnt, sich wieder nach seiner eigenen, inneren Vision von Sinn und Glück auszurichten. Paul kommt wieder ins Lot – und sein Hormon-Cocktail wieder in Balance. Die Rahmenbedingungen kann Paul nur bedingt verändern. Vieles andere schon. Auf die innere Haltung kommt es eben an.
© Ute Kröger